Neue Technologien, Verbote, Anreize, Konsumverzicht – wie erreichen wir die Klimaziele?

© unsplash/Karsten Würth

Die Klimaschutzdebatte ist in der Gesellschaft angekommen – nicht zuletzt durch die Fridays for Future-Bewegung. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass wir die Klimaziele nur durch weitreichende Maßnahmen erreichen können. Diese werden den Alltag der Bürgerinnen und Bürger spürbar verändern. Was bedeutet das konkret – müssen wir künftig etwa auf Flugreisen und Autofahrten verzichten, oder werden es klimaschonende Technologien richten können? Der Vizepräsident des Wuppertal Instituts Manfred Fischedick und Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik, sind sich einig: Technologische Lösungen allein reichen nicht, um die CO2-Emissionen gemäß des Pariser Klimaabkommens zu senken. Während Manfred Fischedick die Politik aufruft, das Abgaben- und Steuersystem zu überarbeiten und attraktive Alternativen für einen nachhaltigen Lebensstil zu schaffen, fordert Felix Ekardt das Ende der Wachstumsgesellschaft und politische Steuerungselemente, um in zwanzig Jahren Nullemissionen erreichen zu können.


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„Klimaschutz erfordert neue Technologien, aber auch nachhaltige Lebensstile und energiebewusstes Verhalten“


Spätestens seit der Veröffentlichung des Sonderberichtes „1,5° C globale Erwärmung“ des Weltklimarates IPCC ist jedem klar, wie groß der Handlungsdruck beim Klimaschutz ist. Ein weiteres Zögern können wir uns nicht erlauben.

Was heißt das aber konkret, und in welchem Verhältnis stehen technische Maßnahmen und Verhaltensänderungen – oder sogar der bewusste Verzicht auf Konsum? Drei Grundsätze spielen dafür eine Rolle: Erstens muss jeder verstehen, dass Energiebedarf kein Selbstzweck ist, sondern unsere Konsumbedürfnisse befriedigt. Zweitens ist zu berücksichtigen, dass jede Form der Energiebereitstellung Auswirkungen hat – von Kernenergie (Umgang mit hochradioaktivem Material) über Kohle (Folgen für den Landschaftsverbrauch) bis zu erneuerbaren Energien (Beeinflussung des Landschaftsbildes).

Drittens muss klar sein, dass jeder Ausstieg auch einen Einstieg erfordert. Politisch wie gesellschaftlich ist daher nicht nur zu klären, was man nicht mehr will (zum Beispiel die Kohleverstromung), sondern auch, was an diese Stelle treten soll (etwa der Ausbau erneuerbarer Energien und der notwendigen Netzinfrastrukturen). Hier hakt es aktuell gewaltig. Zwar wird die Energiewende generell befürwortet, doch die erforderlichen Veränderungsprozesse vor Ort werden zum Teil erbittert bekämpft. Die Folge: Der Umbau des Energiesystems stockt.

Energienachfrage als Hebel für den Klimaschutz
Zur Lösung dieser Herausforderung müssen wir uns vor allem stärker als bisher auf die Energienachfrage konzentrieren – sei es durch technische Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz oder durch ein verändertes Verbraucherverhalten. Die verschiedenen Ansätze lassen sich anschaulich am Beispiel des Verkehrs diskutieren. Anhänger eines primär technologisch getriebenen Ansatzes argumentieren, dass mit dem Umstieg auf die Elektromobilität im Personenverkehr sowie mit dem Übergang auf synthetische gasförmige oder flüssige Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien (Power to Fuels) im Güter- und Luftverkehr hinreichende Klimaschutzlösungen vorliegen, ohne die Verkehrssysteme neu denken zu müssen. Aber ist das so, reicht das aus?

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Während der Umstieg auf elektrische Antriebe sicher einen Energieeffizienzsprung bedeutet, sind den Einsatzmöglichkeiten synthetischer Kraftstoffe Grenzen gesetzt. Für die Bereitstellung der gleichen Dienstleistung, zum Beispiel einer 100-Kilometer-Fahrt von A nach B, erfordert der Einsatz synthetischer Kraftstoffe in einem Verbrennungsmotor die sechs- bis siebenfache Menge Strom aus Erneuerbaren wie die Fahrt mit einem batteriebetriebenen Elektrofahrzeug.

Wenn also die technischen Möglichkeiten begrenzt sind und zudem deren Folgen bedacht werden müssen (beispielsweise geopolitische Abhängigkeiten durch den Import von synthetischen Kraftstoffen), stellt sich die Frage nach Alternativen. Anders ausgedrückt: Brauchen wir Verbote oder reichen ökonomische Steuerungsmöglichkeiten aus? Letztere bieten ein großes Potenzial, das in Deutschland jenseits der Sektoren des Europäischen Emissionshandels noch nicht ausgeschöpft ist oder zumindest bisher keine hinreichende Lenkungswirkung in Bezug auf CO2 hat.

Mix aus Technologieentwicklung und ökonomischer Steuerung erforderlich
Das heutige Abgaben- und Steuersystem auf eine stärkere Anreizwirkung zur Reduktion von CO2-Emissionen umzustellen, erscheint daher naheliegend. So könnte eine intelligente Umschichtung erzielt werden, die auch sozialen Belangen Rechnung trägt. Beispiele aus Skandinavien und der Schweiz zeigen, was mit klugen Kompensations- und Rückerstattungsregeln möglich ist. In Verbindung mit technologischen Standards, die im Zeitverlauf sukzessive verschärft werden, entstehen so Anreize für die Entwicklung und (kontrollierte) Nutzung neuer Technologien. In anderen Worten: Wer mit seinem übergroßen Auto zum Bäcker um die Ecke fahren oder per Flugzeug Urlaub machen will, soll das tun dürfen – wenn er dafür angemessen bezahlt und so Mittel generiert, die dem Klimaschutz zugutekommen. Die Preise für unser Handeln müssen sich endlich an der ökologischen Wahrheit orientieren.

Vergleichbare Ansätze lassen sich auch für andere Konsummuster wie Wohnen oder Ernährung diskutieren. Dabei sollte immer klar sein, dass Klimaschutzbeiträge und entsprechendes Handeln nicht allein vom Klimaschutz geprägt sind. So kann eine Verringerung des Fleischkonsums zwar einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten, ist aber vor allem aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll.

Verantwortung nicht nur auf die Verbraucher verlagern
Der Staat kann die Verantwortung des „richtigen“ Handelns nicht allein den Konsumenten überlassen, sondern muss dafür Sorge tragen, dass sie auch in der gewünschten Weise handeln können – er muss sie „empowern“. Um beim Beispiel Mobilität zu bleiben: Wir brauchen adäquate Alternativen zum Auto, etwa durch eine Verbesserung des ÖPNV-Angebots und der Fuß- und Radwege. Eine verkehrsvermeidende Siedlungsentwicklung ist flankierend ebenso notwendig wie eine intelligente Verkehrssteuerung und -lenkung. Richtig eingesetzt können auch neue technologische Ansätze wie das autonome Fahren wichtige Beiträge leisten. Aufwind erhalten all diese Maßnahmen unter anderem durch die „Fridays for Future-Bewegung“ der Jugendlichen, aber auch durch den zunehmenden Trend einer „Sharing Economy“ sowie die Abkehr von ehemaligen Statussymbolen wie dem Auto.

Jetzt ist Zeit zu handeln: mit einer klugen Politik und Steuerung sowie dem Aufgreifen der aktuellen Dynamik ist es vielleicht noch nicht zu spät.

„Die Klimadebatte kann der Wachstumsfrage nicht ausweichen – Verhaltensänderungen implizieren ein Ende der Wachstumsgesellschaft“


Die Herausforderungen der – für alle Staaten nach Artikel 3 rechtsverbindlichen – 1,5-Grad-Grenze der globalen Erwärmung aus Artikel 2 des Pariser Klima-Abkommens sind riesig. Sie sind sogar größer als vom IPCC angenommen. Nehmen wir die globalen Klimaziele ernst, müssen wir weltweit innerhalb von maximal zwei Dekaden den Verbrauch von fossilen Brennstoffen auf null senken und die Tierhaltung deutlich reduzieren. Drei Dekaden, wie der IPCC meint, reichen nicht. Denn dann wird, wie die zugrunde liegenden Daten des IPCC aussagen, die 1,5-Grad-Grenze mit nur 50- bis 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit eingehalten.

Technische Lösungen reichen nicht, um Emissionen einzusparen
Doch was niemand zugibt: All dies führt wahrscheinlich in eine Welt ohne Wachstum. Zwar gehen Klimaschutz und Wachstum zusammen, solange man allein auf technische Optionen wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz vertraut, um die fossilen Brennstoffe bei Strom, Wärme, Treibstoff oder Dünger zu ersetzen. Neue Technik kann man verkaufen und damit Wachstum erzielen. Aber allein mit Technik erreicht man die genannten Ziele kaum – obgleich das mit Sicherheit natürlich heute niemand vorhersagen kann. Die Herausforderung ist schlicht zu groß. Dazu kommt: Wir werden zwar technisch immer besser, aber auch reicher, womit immer mehr Emissionen entstehen, die wir dann einsparen müssen. Zudem fehlen nullemissionstaugliche technische Lösungen für einige Emissionsbereiche, etwa in der Landwirtschaft – auch wenn Ernährung immer ein paar Emissionen erzeugt und man ein paar Emissionen durch unkritische Maßnahmen im Moor- und Landnutzungsmanagement auch wieder binden könnte.

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Bisherige Statistiken und Prognosen beruhen allerdings noch auf massiven Schönrechnungen. Industriestaaten wie Deutschland reduzieren angeblich Emissionen, in Wirklichkeit steigen die Emissionen unseres Lebensstils jedoch. Wir verlagern sie nur schlicht in die Schwellenländer, denn von dort kommen zunehmend unsere Konsumgüter. Außerdem reden alle einseitig vom Klima. Andere Umweltprobleme wie die Degradation von Böden und Ökosystemen gefährden den Menschen ebenfalls auf Dauer existenziell und müssen gleichzeitig angegangen werden. Die Lösung liegt auf der Hand: der Natur mehr Raum geben. Doch Technik allein reicht dafür noch weniger aus als im Klimaschutz.

Kommt das Ende der Wachstumsgesellschaft?
Neben grüner Technik gehört zum Umweltschutz nach dem Paris-Abkommen damit auch ein genügsamerer Lebensstil. Allerdings wird dann auch weniger verkauft werden; etwa deutlich weniger Urlaubsflüge und Autos. Ein Ende der Wachstumsgesellschaft liegt damit nahe, zunächst einmal in den Industriestaaten, die laut Paris-Abkommen beim Klimaschutz vorangehen sollen. Dem entkommt man auch nicht mit Visionen einer reinen Dienstleistungswelt ohne jeden ökologischen Fußabdruck. Auch Dienstleistungen wie Flüge oder IT-Technologien verbrauchen jede Menge Ressourcen.

Das große Problem aber ist: Bislang hängen vom Wachstum zentrale gesellschaftliche Institutionen ab, etwa der Arbeitsmarkt, das Rentensystem, die Banken und das System der Staatsverschuldung. Alternativkonzepte für deren Befreiung vom Wachstumszwang sind über einzelne Ideen wie Arbeitszeitverkürzung bislang kaum hinausgekommen. Erst recht stecken Konzepte für die schwierige Übergangsphase in die Zeit nach dem Wachstum noch in den Kinderschuhen – ohne massive Brüche und soziale Unruhen, wie wir sie in den Eurokrisen-Staaten erlebt haben, wo innerhalb kürzester Zeit Wachstum in Schrumpfung verkehrt wurde.

Will man neue Technik wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz schnell in den Markt bringen und will man unser aller Verhalten mitunter auch genügsamer machen, wird neben aller unternehmerischer Kreativität und allem Wandel von unten auch Politik nötig sein. Und zwar geographisch und sachlich breit ansetzend, sonst verlagert man oft Probleme lediglich in andere Länder oder andere Sektoren. Eine EU-Mengensteuerung mit einem Cap null für fossile Brennstoffe und einem ebenfalls niedrigen Cap für die Tierhaltung könnte Nullemissionen in zwei Dekaden erreichen. Willige Staaten des globalen Südens könnte man einbeziehen, und gegenüber anderen Staaten könnte man ein Border Adjustment für Importe und Exporte einführen. Damit werden Verlagerungseffekte und Wettbewerbsfähigkeits-Nachteile vermieden.

Gefragt ist ein gesellschaftlicher Technik- und Verhaltenswandel
Allerdings hängen Politik und Bürger wechselseitig voneinander ab, ebenso wie Unternehmen und Konsumenten. Die Frage, ob der Umweltschutz an den Verbrauchern, an bösen Konzernen oder am fehlenden Willen der Politiker scheitert, ist deshalb Henne-Ei-Problem. Und auch den ganzen Kapitalismus, der uns den Konsum so schmackhaft macht, gäbe es ohne unsere Wahl- und Kaufentscheidungen und ohne unser bereitwilliges Mitmachen als Arbeitnehmer nicht. Gesellschaftlicher Technik- und Verhaltenswandel erfordert also ein Wechselspiel verschiedener Akteure, sonst kommt auch eine neue Politik der Mengensteuerung nicht. Hier hilft es auch nichts, wenn selbst grüne Politiker predigen, es gehe nicht um individuelle Entscheidungen, sondern um strukturelle Änderungen. Denn ich verliere meine Urlaubsflüge im Falle politischer Verbote oder Verteuerungen ganz genauso, wie wenn ich freiwillig verzichten würde. Strukturwandel versus individueller Wandel ist deshalb eine sinnlose Diskussion – das eine wird nicht ohne das andere Realität werden.

Viele wenden trotz alledem ein: Ein strenger Klimaschutz ist sozial ungerecht, denn dann sind Fleisch und Fernreisen nicht mehr für alle erschwinglich. Das ist nicht ganz falsch. Nur ist der Klimawandel selbst ein viel größeres Problem für die Armen, weil er vor allem sie treffen wird, und zwar in Deutschland und weltweit. Davon abgesehen: Wenn man totale Gleichheit fordert, dann bitte nicht nur, wenn es um den Umweltschutz geht.

 

ESYS-Debatte I April 2019