Cyril Stephaons (ESYS-Geschäftsstelle), Karen Pittel (ifo Zentrum) und Felix Christian Matthes (ifo-Institut) (v.l.n.r.) in einer Podiumsdiskussion © acatech/Niethammer

Strom, Wärme und Verkehr vernetzen – für einen effektiven Klimaschutz

07. März 2018

Für die Energiewende muss mehr getan werden als nur die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen. Auch Wärmeversorgung und Verkehr müssen klimafreundlicher werden. Wie die Sektoren miteinander verknüpft und mehr erneuerbare Energien in das Gesamtsystem integriert werden können, diskutierten Karen Pittel (ifo Institut) und Felix Christian Matthes (Öko-Institut) am 6. März 2018 bei der Dialogveranstaltung acatech am Dienstag. Der fachliche Austausch in der acatech Geschäftsstelle in München baute auf den Ergebnissen der Stellungnahme „Sektorkopplung“ auf, die das Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) kürzlich veröffentlicht hat.

CDU, CSU und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität in Verbindung mit Speichertechnologien voranzutreiben und dafür die Rahmenbedingungen anzupassen. So soll in Zukunft etwa grüner Strom mithilfe von Elektroautos und Wärmepumpen auch im Wärme- und Verkehrssektor zum Einsatz kommen. Mit welchen konkreten Maßnahmen die Sektorkopplung auf den Weg gebracht werden soll, ist allerdings noch offen. Lösungsvorschläge liefert die Stellungnahme „Sektorkopplung – Optionen für die nächste Phase der Energiewende“, die das von acatech, Leopoldina und Akademienunion initiierte Projekt ESYS vor Kurzem veröffentlicht hat. Die Veranstaltung acatech am Dienstag ging der Frage nach, wie die Ergebnisse der Stellungnahme umgesetzt werden könnten und welchen Beitrag Sektorkopplung zum Klimaschutz leisten kann. Rund 40 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit besuchten das Diskussionsforum.

„Die Energiewende darf nicht auf die Entwicklung einzelner Sektoren beschränkt sein“, betonte acatech Präsident Dieter Spath in seiner Begrüßung. Das Ziel müsse vielmehr sein, Strategien im Verkehrssektor und in der Wärmeversorgung mit dem Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor zu verbinden. Dafür werden jedoch viel mehr Windkraft- und Photovoltaikanlagen benötigt als heute, wie Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und erschöpfbare Ressourcen, erklärte: „Bis 2050 könnte eine fünf- bis siebenfache Kapazität an Wind- und Solaranlagen im Vergleich zu heute notwendig sein.“ Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen und Widerstände gegen den Ausbau von Anlagen und Netzen sei dies eine enorme Herausforderung. Gleiches gelte für die Finanzierung der Energiewende. „Der Umbau der Energieversorgung könnte jährlich 30 bis 60 Milliarden Euro kosten. Allerdings müssen gleichzeitig auch die Chancen in Betracht gezogen werden: eine gesteigerte Wertschöpfung, neue Arbeitsplätze sowie die Exportchancen, die sich für Deutschland als Hochtechnologiestandort ergeben können“, so die Ökonomin.

Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik beim Öko-Institut e.V., machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Sektorkopplung weniger eine Frage der Kosten oder der Technik ist. Es kommt auf ein effektives Managements des notwendigen Strukturwandels an. „Dieser betrifft das Zusammenspiel neuer Technologien mit neuen Charakteristika, völlig andere Kosten- und Akteursstrukturen und schließlich auch andere räumliche Verteilungsmuster. Für die unterschiedlichen Phasen der Energiewende ergeben sich sehr unterschiedliche Handlungsnotwendigkeiten. Diese sollten nicht miteinander vermischt werden. In jedem Fall sind die Strategien des Energy Efficiency First und einer schnellen Dekarbonisierung der Stromerzeugung wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sektorintegration,“ erläutert der Ingenieur und Politikwissenschaftler. Seiner Meinung nach sind starke CO2-Preise für alle Sektoren notwendig. Gleichzeitig müsse die Politik aber auch andere Instrumente einsetzen: zum Beispiel Flottenverbrauchsgrenzwerte oder Effizienzvorgaben schaffen, Marktdesigns verändern sowie die notwendigen Infrastrukturanpassungen rechtzeitig initiieren. Effektiver Klimaschutz könne nur durch ein Zusammenspiel verschiedener politischer Instrumente erreicht werden.

In der anschließenden Podiumsdiskussion tauschten sich Karen Pittel und Felix Christian Matthes darüber aus, warum Lastmanagement („demand response“) bisher kaum zum Einsatz kommt. Sie diskutierten, wie Unternehmen in Deutschland künftig ihren Strombedarf flexibler gestalten könnten. Beide Experten waren sich einig, dass Großverbraucher innovative Konzepte für abschaltbare Lasten entwickeln würden, sobald der Markt dafür Anreize bietet. Diskutiert wurde auch die Frage, ob in Zukunft genügend CO2-Quellen für synthetische Kraftstoffe zur Verfügung stehen werden. Die Verwendung von Biomasse wird teils kontrovers bewertet, und die Abscheidung von Kohlenstoffdioxid aus der Luft („Direct Air Capture“) ist technisch noch nicht ausgereift. Daher waren sich die Fachleute nicht sicher, welche Rolle synthetische Kraftstoffe für die künftige Energieversorgung in Deutschland spielen werden.

Mit der Veranstaltungsreihe acatech am Dienstag lädt die Akademie regelmäßig zu aktuellen und kontroversen Technikthemen in das acatech Forum am Münchner Karolinenplatz ein. Eingeladen sind interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien. Die gestrige Veranstaltung wurde mit der Ausstellung „energie.wenden“ im Deutschen Museum in München verknüpft.

Ansprechpartnerin

  • Lydia Strutzberg
  • Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Energiesysteme der Zukunft