Christoph Weber - Universität Duisburg-Essen

Christoph Weber von der Universität Duisburg-Essen und Co-Leiter der ESYS-AG "(de)-zentral" beim Impulsvortrag © acatech/Stemmler

9. Trialog zur Energiewende: Welche Mischung aus zentralen und dezentralen Elementen braucht das Energiesystem?

29. Mai 2018

Das deutsche Energiesystem wird dezentraler. Rund zwei Millionen Erzeuger speisen mittlerweile Strom ins Netz ein. Neben großen Kraftwerken sind Photovoltaik-Anlagen, Windräder und Biogasanlagen hinzugekommen. Welche Auswirkungen hätten weitere dezentrale Entwicklungen auf Kosten und Akzeptanz der Energiewende? Und wie können zentrale und dezentrale Elemente in Einklang gebracht werden, um ein stabiles, bezahlbares und nachhaltiges Energiesystem zu schaffen? Darüber diskutierten Energiefachleute beim neunten Trialog der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform und des Akademienprojekts „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) am 28. Mai 2018 in Berlin.

Immer mehr Genossenschaften, Kommunen oder Privatpersonen betreiben eigene kleine Solar-, Windkraft- oder Biogasanlagen. Sie treten neben die etablierten Großversorger. Während Hausbesitzer schon länger über das EEG zu Prosumern und Eigenstromverbrauchern werden, können nun auch Mieterinnen und Mieter durch das Mieterstrommodell Solarstrom erzeugen, nutzen und einspeisen. Die Blockchain-Technologie soll den Handel mit Energie für jedermann weiter erleichtern. Dezentrale Entwicklungen im Energiesystem schaffen also neue Beteiligungschancen für Bürgerinnen und Bürger und können die Akzeptanz für die Energiewende erhöhen. Die regionale Wertschöpfung kann durch mehr Dezentralität gefördert werden – doch es gibt auch Nachteile. So ist die Steuerung des Netzes mit zahlreichen neuen Kleinanlagen aufwändiger zu regeln. Außerdem sind Photovoltaik-Dachanlagen pro Kilowatt installierter Leistung deutlich teurer als große Photovoltaik-Freiflächenanlagen. Die richtige Mischung aus zentralen und dezentralen Elementen ist entscheidend.

Ansprechpartner

  • Lydia Strutzberg
  • Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Energiesysteme der Zukunft

Welche Anreize kann die Politik setzen, und welche technischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen entstehen beim Wandel von einem zentraleren zu einem dezentraleren Energiesystem? Über diese Fragen diskutierten rund 50 Akteure aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft, organisierter Zivilgesellschaft und Wissenschaft am 28. Mai beim Trialog „(De)zentralisiert! Die Balance für ein nachhaltiges, zuverlässiges und bezahlbares Energiesystem finden“ im Berliner Allianz Forum. Gesine Schwan, Präsidentin der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform, eröffnete die Veranstaltung. Christoph Weber, Leiter des Lehrstuhls für Energiewirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, führte inhaltlich ins Thema ein. Der Co-Leiter der ESYS-Arbeitsgruppe betonte: „Die Gesamtkosten eines dezentraleren Systems sind tendenziell höher. Es bietet aber potenziell auch Vorteile, etwa einer größeren gesellschaftlichen Teilhabe.“ Wie etwaige Mehrkosten für ein System mit vielen kleineren Anlagen ausfallen und wie dies mit einer möglichst hohen Akzeptanz bei Bürgerinnen und Bürgern einhergehen kann, müsse gemeinsam diskutiert werden.“

Markstrukturen neu denken

Für Achim Zerres, Leiter der Abteilung Energieregulierung bei der Bundesnetzagentur, gibt es ohne Wettbewerb keine wirtschaftliche Energiewende. Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber müssen eine neue Form der Zusammenarbeit finden, um die Stromflüsse zu steuern. Die Geschäftsführerin des Verbands deutscher Energiehändler Barbara Lempp forderte mehr Transparenz für alle Marktteilnehmer auf dem Weg zu einem dezentraler geprägten Energiesystem. Gerade auf Verteilnetzebene seien viele Daten unbekannt, gleichzeitig sind durch den Anschluss vieler kleiner Anlagen an das Verteilnetz dessen Aufgaben gestiegen. Hubert Meisinger vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung verwies auf offene ethische und ästhetische Fragen beim Umbau der Energieversorgung. Ziel sei es nicht, den Netzausbau zu bremsen, sondern vielmehr einen Kulturwandel für den Klimaschutz anzustoßen, der sich am Leitbild der Gerechtigkeit orientiert. In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Form der Marktregulierung. Die Teilnehmenden sprachen sich dafür aus, Märkte nicht zentral zu regulieren. Zudem verändere die Rolle des Prosumers den Handel grundlegend: Als Erzeuger möchte er Strom möglichst teuer verkaufen, als Konsument hingegen preiswert beziehen. Märkte müssten diese widersprüchlichen Erwartungen seitens ein und desselben Akteurs in Einklang bringen – dadurch ändere sich die Preisstruktur.

Workshops zu Netzausbau, Kosten und Partizipation

Wie der weitere Netzausbau in Deutschland gestaltet werden soll, stand im Mittelpunkt von einem der drei Workshops am Nachmittag. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer betonten, dass die nationale Energieinfrastruktur immer im europäischen Kontext geplant werden müsse. Hier gibt es bereits Ansätze wie beispielsweise den „Ten-Year Network Development Plan“. Diese sind aber hinsichtlich ihres Impacts und der Abstimmung noch verbesserungsfähig. Geführt wurde dieser Workshop von Konstantin Stachus, von ENTSO-E. Eine weitere Gruppe tauschte sich unter der Leitung von Matthias Dümpelmann von 8KU über die Kosten eines eher dezentralen Energiesystems aus. Dieses sei in der Theorie zwar teurer, in der Praxis seien dezentralere Elemente aber oft leichter zu installieren und bieten finanziell positive Aspekte: Ein kleinteiligeres Energiesystem kann das Risiko großräumiger Stromausfälle reduzieren. Überdies besteht möglicherweise die Bereitschaft, für lokal erzeugte Energie mehr zu zahlen. Wie viel Partizipation ein nachhaltiges Energiesystem braucht, diskutierten die Teilnehmenden des dritten Workshops nach einem Impulsvortrag von Peter Dabrock von der Friedrich-Universität Erlangen-Nürnberg. Deutlich wurde, dass Partizipation alle Stufen von der Erzeugung über den Transport bis zur Nutzung von Energie umfassen soll. Dafür müsse die Beteiligung aber von allen Akteuren ernsthaft gewollt und ergebnisoffen sein.

Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Kooperation zwischen der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform und dem Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) stärkt die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. In den Trialogen tauschen sich ESYS-Fachleute mit Vertreterinnen und Vertretern der Politik, Wirtschaft und organisierten Zivilgesellschaft aus. In den Veranstaltungen werden neue Themen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und Fragestellungen mit Blick auf ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit geschärft.

Beteiligte Institutionen

Die HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform unterstützt durch ihre Trialoge den kommunikativen Austausch und die Verständigung zwischen den verschiedenen Stakeholdergruppen Politik, Wirtschaft und organisierte Zivilgesellschaft mit Medien und Wissenschaft zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Durch die Auswertung dieser Multi-Stakeholder-Treffen werden Grundkonsense deutlich, die die Formulierung gemeinwohlorientierter Politik vorbereiten. Eine Trialog- Veranstaltung dauert einen Arbeitstag, um neben den Impulsvorträgen ausreichend Zeit für die Diskussion zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Stakeholdergruppen zu gewährleisten.

Mit der Initiative „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) geben acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften Impulse für die Debatte über Herausforderungen und Chancen der Energiewende in Deutschland. Im Akademienprojekt erarbeiten rund 100 Fachleute aus Wissenschaft und Forschung Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung. Die Federführung des Projekts liegt bei acatech.

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