Trialog zur Energiewende - Bioenergie

Co-Leiter der Arbeitsgruppe "Bioenergie" Gernot Klepper stellt die Arbeitsergebnisse eines Workshops vor © acatech/Nora Pankow

8. Trialog zur Energiewende: Ansätze für eine langfristige Bioenergiestrategie

26. Februar 2018

Biomasse liefert derzeit mehr Energie als alle anderen erneuerbaren Energien zusammen – als Strom, zum Heizen und als Kraftstoff im Verkehr. Ihr Beitrag zu den Klimazielen ist dennoch umstritten: einerseits ersetzt Bioenergie fossile Energieträger, andererseits ist ihre Ökobilanz fraglich. Wie Bioenergie nachhaltig für die Energieversorgung genutzt werden kann, diskutierten Fachleute beim achten Trialog der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform und des Akademienprojekts „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) am 23. Februar 2018 in Berlin. Es ging vorrangig um die Frage, welches Potential Bioenergie für negative Emissionen bieten.

Bioenergie ist vielseitig einsetzbar: Als Biokraftstoff im Verkehr, zum Heizen sowie zur Stromerzeugung. Eine weitere Option: Kohlendioxid kann aus Produktionsanlagen für Biokraftstoffe oder aus Biomassekraftwerken abgeschieden und unterirdisch gelagert werden (BECCS). Da das eingelagerte Kohlendioxid zuvor von den Pflanzen aus der Atmosphäre aufgenommen wurde, entstehen „negative Emissionen“. Globale Klimaschutzszenarien deuten darauf hin, dass die Klimaschutzziele ohne solche negative Emissionen nicht erreichbar sind. Jedoch können beim Anbau von Biomasse Treibhausgasemissionen entstehen, die den Klimanutzen verringern. Hinzu kommt, dass Biomasse als begrenztes Gut nicht nur zur Energieversorgung, sondern auch in der Nahrungs- und Futtermittelindustrie verwendet wird. Werden Energiepflanzen nicht nachhaltig angebaut, können sie außerdem Umwelt, Böden und Gewässer belasten.

Ansprechpartnerin

  • Lydia Strutzberg
  • Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Energiesysteme der Zukunft

Beitrag zum Klimaschutz

Damit Bioenergie einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, muss sie nachhaltig erzeugt und im Energiesystem gezielt eingesetzt werden. Wie eine langfristige Bioenergiestrategie gestaltet werden könnte, diskutierten rund 60 Akteure aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft beim Trialog „Bioenergiepotenziale richtig bewerten und nutzen, Nebenwirkungen eindämmen – wie soll eine langfristige Bioenergiestrategie gestaltet sein?“ im Berliner Allianz Forum. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Gesine Schwan, Präsidentin der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform. Daniela Thrän vom Deutschen Biomasseforschungszentrum führte in das Thema ein. Die Leiterin der ESYS-Arbeitsgruppe „Bioenergie“ unterstrich: „Bioenergie ist im Energiesystem ein Lückenfüller – sie soll immer diejenigen Funktionen erfüllen, für die Wind- und Solarenergie nicht gut geeignet sind. Zunehmend wird diskutiert, mit Bioenergie ‘negative Emissionen‘ zu erzeugen. Dafür müssten wir die Art, wie wir Bioenergie nutzen, überdenken.“

Nutzung von Bioenergie - auch für BECCS

Weitere Impulse gaben Justus Andreas von der Bellona Foundation, Henrik Erämetsä von der finnischen Neste Corporation und Volker Niendieker vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Justus Andreas gab Einblicke in die Möglichkeiten zur Speicherung von CO2. Aus seiner Sicht ist die CCS-Technologie technisch bereits weit entwickelt und einsatzbereit. Henrik Erämetsä betonte in seinem Vortrag die Bedeutung synthetischer Kraftstoffe für den Luft- und Straßenverkehr. Um Biomasse sinnvoll zu nutzen, sollten Innovationen unbedingt technologieoffen gefördert werden. Der dritte Impulsgeber Volker Niendieker bewertet die Potenziale der Bioenergie im Wärme- und Verkehrssektor als noch nicht ausgeschöpft. Für eine langfristige Strategie müssten allerdings partielle Betrachtungsweisen überwunden und globale sowie über Sektoren hinausgehende Perspektiven eingenommen werden. Den Vorträgen schloss sich eine kontroverse Diskussion zwischen den Teilnehmenden zu den Chancen und Risiken von Bioenergie und BECCS an.

In anschließenden Workshops vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trialogs konkrete Fragestellungen. Eine Gruppe tauschte sich darüber aus, welche Möglichkeiten es für negative Emissionen in Deutschland gibt. In der Diskussion spielten Moore, Aufforstung und Biokohle zum Speichern von CO2 eine große Rolle. Eine andere Gruppe befasste sich mit den Trade-offs von Bioenergie. Sie hinterfragte, woher die Biomasse kommt und wie sie angebaut wird, welche Instrumente Externalitäten wie Flächennutzung, soziale, Klima- und Umweltaspekte abgelten können und wie Land- und Forstwirtschaft transformiert werden müssen, damit Biomasse nachhaltig und langfristig genutzt werden kann. So wurde beispielsweise betont, dass soziale Aspekte bei derzeitigen Zertifizierungssystemen kaum eine Rolle spielen. Für Daniela Thrän wurde in der Diskussion deutlich: „Man muss die Komplexität des Themas anerkennen. Auch die auf den ersten Blick zweitbesten Lösungen müssen näher betrachtet werden.“

Vernetzung im Trialog

Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Kooperation zwischen der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform und dem Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ stärkt die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. In den Trialogen tauschen sich ESYS-Fachleute mit Vertreterinnen und Vertretern der Politik, Wirtschaft und organisierten Zivilgesellschaft aus. Die Veranstaltungen werden dazu genutzt, neue Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und Fragestellungen im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit zu schärfen.

Beteiligte Institutionen

Die HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform unterstützt durch ihre Trialoge den kommunikativen Austausch und die Verständigung zwischen den verschiedenen Stakeholdergruppen Politik, Wirtschaft und organisierte Zivilgesellschaft mit Medien und Wissenschaft zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Durch die Auswertung dieser Multi-Stakeholder-Treffen werden Grundkonsense deutlich, die die Formulierung gemeinwohlorientierter Politik vorbereiten. Eine Trialog- Veranstaltung dauert einen gesamten Arbeitstag, um neben den Impulsvorträgen ausreichend Zeit für die Diskussion zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Stakeholdergruppen zu gewährleisten.

Mit der Initiative „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) geben acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften Impulse für die Debatte über Herausforderungen und Chancen der Energiewende in Deutschland. Im Akademienprojekt erarbeiten rund 100 Fachleute aus Wissenschaft und Forschung Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung. Die Federführung des Projekts liegt bei acatech.

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